Ein harter Hund mit Herz

Veröffentlicht: 1. März 2016 von cbaeriswyl in Interviews, Saison 2015/2016
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Zwahlen ThomasSeit sieben Jahren ist Thomas Zwahlen Trainer der Düdingen Bulls und eilt mit dem 1.-Liga-Team von Erfolg zu Erfolg. Vor dem Playoff-Halbfinal gegen Franches-Montagnes spricht er im Interview über seine grosse Leidenschaft – das Eishockey.

Thomas Zwahlen, wie viele Stunden pro Tag beschäftigen Sie sich mit Eishockey?
Eishockey ist dauernd im Hinterkopf: Trainingsvorbereitung, Linienkonstellationen, persönliche Sachen mit Spielern – es gibt immer etwas, das einem beschäftigt. Es kommt oft vor, dass mir während der Arbeit eine Trainingsübung oder ein taktischer Zug in den Sinn kommt und ich dies schnell irgendwo aufschreibe, damit es nicht vergessen geht. Ich hatte schon mehrere Gelegenheiten, um Profitrainer zu werden, habe mich aber immer für meinen Job entschieden. Eishockey ist für mich der perfekte Ausgleich, um neben dem Beruf abschalten zu können.

Kreisen die Gedanken in den Playoffs noch intensiver um das Eishockey als sonst?
Ja. In der Qualifikation liegt mein Fokus auf unserer Mannschaft. In den Playoffs beschäftige ich mich zusätzlich mit dem Gegner, schaue zu Hause Videos an, um die Stärken und Eigenheiten unseres Gegners herauszufinden. In der jetzigen Meisterschaftsphase bin ich voll mit Eishockey ausgelastet, weil ich ständig beide Teams analysiere.

Sie stehen bereits die siebte Saison an der Bande der Düdingen Bulls. Woher nehmen Sie die Motivation, jedes Jahr einen neuen Anlauf zu nehmen?
Die Motivation ist für mich der Klub selber. Die Vorstandsmitglieder, ihre Frauen, die Senioren – alle helfen mit, den Verein zu tragen. Es ist wie eine grosse Familie, in der ich mich sehr wohl fühle. Ich schätze, dass man mich arbeiten lässt, wie ich will. Ich habe nicht gerne, wenn mir jemand sagt, wie es laufen soll. Meine Arbeit wird auch nicht gleich infrage gestellt, wenn wir dreimal hintereinander verlieren.

Die Bulls und Thomas Zwahlen, das scheint zu passen. Sie haben in Düdingen einen unbefristeten Vertrag erhalten …
Ja, es ist gewissermassen ein Pensionärsvertrag (lacht). Wir verlängern den Vertrag jeweils per Handschlag, uns genügt das Wort des anderen. Ich erfahre eine grosse Wertschätzung für meine Arbeit, nicht nur vonseiten des Vereins, sondern auch von den Medien. Wir sind hinter Gottéron die Nummer 2 im Kanton, entsprechend gross ist die Akzeptanz unseres Vereins in der Bevölkerung, bei den Medien und den Spielern. Hier kann man etwas bewegen, die jungen Spieler weiterbringen.

Die Arbeit mit jungen Spielern hängt Ihnen sehr am Herzen. Was fasziniert Sie daran?
Wenn die jungen Spieler aus den Elite-Teams kommen, sind sie noch nicht fertig ausgebildet. Ich kann ihnen im taktischen und im einzeltaktischen Bereich viel mitgeben. Häufig schweben die Jungen in hohen Sphären und denken, sie können schon alles, wenn sie zu uns kommen. Im Erwachseneneishockey spielt man aber ganz anders. Sie erstmals auf den Boden zu holen und dann aufzubauen, darin besteht für mich der Reiz.

Vor Ihrem Wechsel zu Düdingen waren Sie beim SC Bern in der Nachwuchsabteilung tätig. Hat sich die Arbeit mit den Jungen in den letzten Jahren verändert?
Die Jungen sind genau gleich wie vor 15 Jahren. Hingegen habe ich den Eindruck, dass die Ausbildung schlechter geworden ist. Viele grundlegende Sachen, die man erwarten könnte, fehlen heute den Jungen. Beim SC Bern haben wir für die Jungen immer individuelle Einsatzmöglichkeiten gesucht und sie in der 1. Liga oder der NLB Spielpraxis sammeln lassen. Dies machen die Elite-Trainer heute zu wenig. Sie behalten die talentierten Spieler lieber selber, um mit dem Team erfolgreich zu sein. Der sportliche Erfolg wird oft höher gewichtet als die Entwicklung der einzelnen Spieler.

Wie klappt eigentlich die Zusammenarbeit mit der Juniorenabteilung von Gottéron? Anfang Saison hatten Sie diese bekannt gegeben und grosse Hoffnungen darin gesetzt.
Die Zusammenarbeit ist noch nicht auf so fruchtbaren Boden gestossen wie erhofft, auch aufgrund der vorhin erwähnten Probleme. Ab und zu konnten wir eine gute Kartoffel pflücken, der Ertrag ist aber noch sehr klein. Bei einer weiteren Zusammenarbeit müssten wir die Ausbildungsstruktur diskutieren, sonst bringt es beiden Seiten nichts.

In der schnelllebigen Sportwelt ist eine so lange Clubtreue wie die Ihrige eher ungewöhnlich. Sind Sie auch privat ein Mensch, der gerne Kontinuität hat?
Das ist eine Eigenart von uns Polizisten, wir haben Schwierigkeiten mit Veränderungen (lacht). Auch ich. Lieber baue ich mir etwas auf, das Bestand hat, und halte dann daran fest. Qualität zeigt sich erst mit den Jahren, auch im Sport. Arno Del Curto ist ein gutes Beispiel dafür. Dank ihm ist der HC Davos seit Jahren so erfolgreich. Auch bei Servette und Chris McSorley zahlt sich die Kontinuität aus. Was ständige Wechsel bewirken, sieht man aktuell beim SC Bern.

Nicht nur auf dem Trainerposten herrscht in Düdingen Kontinuität, sondern auch im Kader gibt es nur wenige Wechsel …
Abgesehen von beruflichen Gründen oder wenn jemand aufhört, haben wir tatsächlich kaum Mutationen. Joël Sassi zum Beispiel wechselte früher ständig den Verein, jetzt ist er schon seit sechs Jahren bei uns. Die Spieler fühlen sich hier offensichtlich wohl. Bei uns gibt es keine Stars, allewerden gleichbehandelt. Deutschfreiburger und Welsche bringen zwar beide ihre Eigenheiten ins Team, diese zu vereinen ist aber ebenso anspruchs- wie reizvoll.

Worin unterscheiden sich diese Eigenheiten?
Der Sensler hat einen grossen Ehrgeiz, wenn er etwas angeht. Er lässt nicht los, bis er sein Ziel erreicht hat. Seine Besessenheit zeigt er zwar nicht nach aussen, im Training merkt man aber, dass er immer 100 Prozent dabei ist. Der Welsche ist mehr der «Monsieur». Wenn das Training um 17 Uhr beginnt, trudelt er um 17 Uhr ein. Der Sensler ist dann bereits seit einer halben Stunde da und hat sich vorbereitet, damit er um Punkt 17 Uhr loslegen kann. Im Match ist aber auch der Welsche voll da. Die richtigen Charaktere zusammenzubringen, damit es auf dem Eis harmonisiert, das ist die Herausforderung.

Die psychologische Ausbildung, die Sie als Polizist absolviert haben, dürfte Ihnen dabei hilfreich sein …
Ich habe mich auf dem Gebiet der Psychologie weitergebildet und auch Unterricht erteilt. Psychologie bildet auch heute die Basis bei meiner Arbeit, und da ich in einer Führungsposition arbeite, muss ich auch viel kommunizieren. Diese beiden Sachen kann ich ins Eishockey einbringen.

Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben?
Auf den ersten Blick wirke ich sehr soft. Wer mich besser kennt, weiss, dass ich sehr hart bin; immer konsequent, aber immer mit Herz. Ich brauche nicht laut zu werden, um Respekt zu bekommen. Die Ansichten der Spieler sind mir wichtig, und ich lasse mich manchmal auch von ihnen zu etwas überreden. Entscheiden tue aber ich.

Was bringt Sie als Trainer auf die Palme?
«Ja, aber …»! Wenn auf Kritik immer eine Entschuldigung folgt, ärgert mich das. Kritik annehmen zu können ist ein wichtiger Charakterzug–nicht nur im Sport.

Und was bringt Sie von der Palme wieder runter?
Wenn ich zusammen mit einem Spieler etwas erarbeiten kann und anschliessend sehe, dass es fruchtet.

Sportlich ist der Spielraum für die Düdingen Bulls eher gering. Ein Abstieg droht kaum, ein Aufstieg in die Nationalliga ist auch kein Thema. Wünschen Sie sich mehr sportliche Perspektiven?
Der Gewinn des Schweizer Meistertitels der Amateure ist eine wunderbare sportliche Perspektive–das reicht für mich. In der Saison 2012/13 durften wir dies schon einmal erleben, es war grandios und hat uns alle stolz gemacht. Wir werden auch dieses Jahr und nächstes Jahr alles daran setzen, um den Meistertitel wieder nach Düdingen zu holen.

Quelle: Michel Spicher / Freiburger Nachrichten

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